Münchner Merkur: Karwendel Music Festival: Ein Blick hinter die Kulissen
Karwendel Music Festival: Ein Blick hinter die Kulissen
von Manuela Schauer
22.08.2017
Unterricht nonstop: Im Rahmen des Karwendel Music Festivals in Mittenwald proben 16 junge Talente mit zehn weltberühmten Dozenten. Das gehört ebenso zum Konzept, wie ihnen den unternehmerischen Weg zur großen Karriere zu vermitteln.
Mittenwald – Er macht die Fingerbewegung vor. Sein Arm dient als Griffbrett einer Geige. Dann rückt Viktor Tretjakov den Arm seinen Schülers in die richtige Position. „Nein“, sagt der Dozent auf Russisch, schüttelt den Kopf. Er ist noch nicht ganz zufrieden mit der Technik des jungen asiatischen Talents. Er streicht zu abgehackt. Dabei geht’s um Feinheiten. Also nochmal. Wieder winkt der Star-Violinist ab und krallt sich das Instrument des Chinesen. Gerade einmal ein halber Meter trennt die beiden, da legt Tretjakov los, fixiert seinen Schüler mit den Augen und spielt den Part des Stücks in Perfektion. Vormachen – nachmachen. Immer und immer wieder. Bis jeder Kniff sitzt. Strenge russische Schule.
Die Mitwirkenden des zweiten Karwendel Music Festivals, das noch bis 27. August in Mittenwald stattfindet, nehmen den anstrengend-akribischen Einzelunterricht gerne auf sich. Schließlich wollen sie selbst einmal zu den Großen in der Klassik-Szene zählen. Zu den 16 besten Talenten gehören sie schon, die von über 130 Bewerbern ausgewählt wurden, um in der Marktgemeinde mit weltberühmten Musikern zusammenzuarbeiten. Idole wie Nicholas Mann, Lehrer an der Manhattan School of Music. Oder eben Tretjakov, den „Gott“, wie ihn Festival-Intendantin und Solo-Violinistin Xi Wang nennt.
Neben den Konzerten, die die Schüler während des Aufenthalts im Isartal geben, feilen die Jugendlichen aus Aserbaidschan, Italien, China und Deutschland mit Hilfe der zehn Dozenten an ihrer Technik. Die Grund- und Mittelschule am Mauthweg wird zum Zentrum der klassischen Kompetenz.
In einem der Klassenzimmer, in Studio 2, sitzt Sven Stucke, wie Wang Initiator des Festivals. Der weitgereiste Magdeburger unterrichtet eine 17-Jährige aus China. Zum ersten Mal ist die junge Frau in einem fremden Land, sagt Wang. Um die Sprachbarriere zu überwinden, steht ihr eine Übersetzerin zur Seite. Stucke gibt auf Englisch Anweisungen. „Breath“ (übersetzt: atme), sagt er zu der Geigerin. Vor Nervosität hält sie beim Spielen die Luft an. Aber sie folgt dem gutgemeinten Rat, zeigt, was sie kann und staubt Lob ab. Stuckes Motivation treibt sie zu Höchstleistungen.
Die Welt mit Mittenwald verbinden
Die jungen Talente zu fördern, ist eines der Ziele der beiden Festival-Gründer. Das Konzept basiert neben den Meisterkursen auch auf Workshops und Vorträgen. Wang und Stucke wollen den Musikern unternehmerisches Know-How vermitteln. „Wir zeigen ihnen, wie sie einzigartig werden“, erklärt Wang, die in New York eine Künstleragentur betreibt. Die Experten geben Tipps für den Weg zur großen Karriere. In persönlicher Atmosphäre, ohne Druck aufzubauen. Inspiration heißt das Zauberwort.
Die Festival-Indendantin ist absolut überzeugt von dem „globalen“ Konzept. Und vom Standort Mittenwald mit dessen bedeutenden Wurzeln in puncto Geigenbau. „Festivals gibt’s tausende in der Welt“, betont sie. Aber nicht jedes könne mit einer solchen Geschichte aufwarten. Ein Alleinstellungsmerkmal. „Wir wollen die Welt mit Mittenwald verbinden.“
Initiatorin will Festival noch bekannter machen
Wang schmiedet fleißig Pläne für die Zukunft, möchte das Festival, das seit der ersten Auflage ein deutlich höheres Niveau erreicht hat, weiter etablieren und bekannt machen. Dabei helfen den Initiatoren die Kontakte zu Weltstars, zum deutschen Generalkonsulat und das neu gegründete Karwendel-Quartett, dem Wang, Stucke, Liyuan Liu und Peter Hörr angehören. Gemeinsam stehen sie im Rahmen der Celebrity Concert Series auf der Bühne und tragen den Namen Mittenwalds in die Welt. Im Oktober geht das Ensemble in China auf Tour. Die Werbemaschinerie läuft auf Hochtouren. Dafür sorgt auch Dalian TV, ein Fernsehsender aus der Volksrepublik. Er dreht eine fünfteilige Dokumentation mit insgesamt 150 Minuten über das Festival sowie touristische Attraktionen im Isartal.
Unter den Musikern spricht sich das Festival mittlerweile herum. Für Yixuan Ren aus China war es ein Sprungbrett. Sie gewann 2016 als beste Teilnehmerin einen Bogen von Claude Thomassin im Wert von 20.000 Euro, den sie ein Jahr lang verwenden durfte. Und nutzte die Chance. Die Zwölfjährige bestand die Aufnahmeprüfung am berühmten Curtis Institut of Music und wird ab kommenden September in Philadelphia studieren. Mittenwald öffnete ihr ein stückweit die Tür zur Welt. Stuckes und Wangs Mission – erfüllt. Doch das war erst der Anfang.